Akrobatik im Tanzsport

Interview mit Akrobatikfuchs Sydnee Ingendorn

Akrobatik im Tanzsport | Interview mit Sydnee Ingendorn

Erfahrung in Sachen Akrobatik

Wenn es um das Thema Akrobatik geht macht ihm keiner was vor: Sydnee Ingendorn – besser bekannt auch als Akrobatikfuchs – ist Personal Trainer aus Oberhausen. Dort trainiert er das KunstTurnTeam Oberhausen.

Akrobatikfuchs, Personal Trainer Sydnee Ingendorn

In den letzten Jahren sind auch viel Mariechen aus dem karnevalistischen Tanzsport auf Sydnee aufmerksam geworden. So entstand der Name „Akrobatikfuchs“, unter welchem er Gruppen- und auch Einzeltrainings zu akrobatischen Elementen wie Flick Flack, Menichelli und dem freien Bogengang oder freien Rad anbietet.

Klar, dass sich im heutigen Interview alles um das Thema Akrobatik dreht.

In der Turnhalle aufgewachsen

Lieber Sydnee, schön dass du dir die Zeit für ein paar Fragen nimmst. Vielleicht stellst du dich kurz vor – wie bist du zum Turnen und zum Akrobatiktraining gekommen – damit dich meine Leserinnen und Leser etwas besser kennen lernen.

Gerne. Ich bin Sydnee Ingendorn, 33 Jahre, komme aus Oberhausen, lebe aber seit ein paar Jahren im angrenzenden Dinslaken. Ich bin seit Ende letzten Jahres frischer Papa und das hat das Leben meiner Frau und mir ganz schön auf den Kopf gestellt.

Mein Ausbildungsweg ging über die Sportwissenschaft an der Deutschen Sporthochschule Köln und einer Ausbildung zum Physiotherapeuten an der Schule für Physiotherapie in Duisburg. Letztlich rechne ich aber auch immer die vielen Stunden als Leistungssportler im Kunstturnen, sowie die Erfahrungswerte, die ich durch meinen Vater erlernen durfte hinzu.

Und da ich im Grunde in der Turnhalle groß geworden bin, war der Sprung zum Turner und später zum Trainer nicht weit. Der Übergang war fließend und die Faszination an diesem Sport ist ungebrochen.

Das Trainieren wurde dir von deinem Vater praktisch in die Wiege gelegt. Was genau gibt dir der Job als Personal Trainer zurück?

Der Job als Personal Trainer gibt mir generell die Freiheit, relativ flexibel und zeitlich unabhängig an den Zielen meiner Kunden zu arbeiten. Das trifft sowohl auf mein Personal Trainer Business als Muskelfuchs sowie als Akrobatikfuchs zu.

In der Akrobatik geht es speziell um die richtige Kombination der methodischen Möglichkeiten. Es ist wie ein Rezept das man kochen möchte. Damit es schmeckt müssen die richtigen Zutaten in der Menge und in der Qualität stimmen. Um das zu vermitteln benötige ich Zeit. Denn am Ende einer Trainingseinheit ist es für mich wichtig, dass die Trainer und Sportler mit dem richtigen Rüstzeug die Halle verlassen. Akrobatische Elemente sind etwas ganz besonders und alles was „besonders“ ist und nicht jeder kann benötigt regelmäßig Training und Zeit.

Akrobatik im karnevalistischen Tanzsport

In den letzten Jahren habe viele Tanzmariechen bei dir trainiert. Wie bist du in die Nische des karnevalistischen Tanzsports hereingerutscht?

Tanzpaar Ben Adams und Cathleen Gentz.Den Startschuss gab mehr oder wenig wieder mein Vater. Mein Vater hat unter anderem eine lange Zeit Ben Adams in der Akrobatik ausgebildet und unterstützt. Doch das war nur eine Anfrage von vielen.

Da dies aber nicht unsere Hauptaufgabe beim Kunstturnteam Oberhausen ist, musste er viele Anfragen ablehnen. Außerdem ist es für viele Mariechen nicht möglich regelmäßig nach Oberhausen zu kommen. Aber ich wollte gerne mal über den Tellerrand des klassischen Kunstturnens gucken.

Also was tun? Für mich war klar: Ich kann einem Mariechen in ein paar Stunden kein akrobatisches Element beibringen, aber eben alle wichtigen Theorien und methodischen Möglichkeiten an die Hand geben.

So hat es nicht lange gedauert bis ein paar Anfragen reinkamen und dann hat sich das eigentlich per Weiterempfehlung im ganzen Bundesgebiet immer mehr ausgeweitet. Ich freue mich natürlich sehr darüber, dass Trainer*innen UND Tänzer*innen sich gut bei mir aufgehoben fühlen und gerne ihre Erfahrungen teilen.

Hast du dir schon einmal ein Gardeturnier angesehen und falls ja, was sagst du zu dieser besonderen Kombination von Tanz und Akrobatik?

Ich war 2019 bei einem BDK Turnier in Mülheim. Es war sehr interessant und aufschlussreich für meine Arbeit in diesem Bereich. Die Schere in Sachen Quantität der Akrobatik, aber speziell der Qualität geht jedoch weit auseinander. Bevor ich mich mehr in diesem Tanzbereich engagiert hatte, war ein Tanzmariechen für mich auch „nur“ eine Tänzerin bei Karnevalssitzungen. Entschuldige dieses Vorurteil. Von daher war ich sehr positiv überrascht welches hohe Leistungsniveau hier hinter steckt.

Generell finde ich die Kombination sehr ansprechend, wobei ich eher sagen würde es ist keine Kombination aus Tanz und Akrobatik, sondern ein Tanz, der mit ansprechenden akrobatischen Elementen ergänzt und verfeinert wird. Es ist sozusagen das Gewürz in einem Gericht. Zuviel davon macht das Gericht ungenießbar, aber ohne schmeckt es zuweilen langweilig.

Akrobatik und Zeitaufwand

Schaut man sich Turnier-Mariechen an so stellt man schnell fest, dass spektakuläre Akrobatik wie Menichelli, Bogengang und freies Rad nahezu von jedem geturnt werden. Wie lange muss man trainieren, um solche Elemente sicher turnen zu können?

Im Gegensatz zu vielen Videos im Social Media Bereich, gebe ich keine pauschalen Antworten ab wie lange der Trainingsaufwand für Element xyz zu sein scheint. Zu viele Faktoren spielen hier eine Rolle, die am Ende bestimmen wie lange der Lernaufwand ca. sein wird.

Faktoren sind körperliche und mentale Voraussetzungen, Vorerfahrung, Trainingshäufigkeit bzw. Wiederholungszahlen, Trainingsumfeld mit entsprechenden Trainingsmaterialien, die Ausbildung des Trainerenden und dessen methodische Herangehensweise. Und in den letztgenannten methodischen Schritten können wiederum verschiedene „Probleme“ zum Tragen kommen, die erst beseitigt werden müssen.

So sind doch vielzählige Faktoren, die über den Lernerfolg und die – Dauer entscheiden. Pauschal lässt sich also bei keinem Element eine genaue Zeitspanne festlegen. Anders sieht es schon aus, wenn ich mir einen Eindruck von einem Tanzmariechen oder Tanzmajor gemacht habe. Dann kann ich ungefähr abschätzen, wie groß der Lernaufwand noch sein wird. Aber genau lässt sich auch das nicht bestimmen. Es dauert eben solange es dauert. Akrobatik ist etwas außergewöhnliches, das Zeit bedarf.

Das können Trainer*innen tun

Nehmen wir mal an, wir haben eine Jungtrainerin die ihr erstes Mariechen trainiert. Sie selbst hat bisher keine akrobatischen Erfahrungen. Wie sollte sie an das Thema Akrobatik herangehen?

Ich denke dieses Problem hat speziell die aktuelle Trainergeneration. Diese Trainer*innen kamen als Aktive noch ohne Akrobatik aus und müssen sich nun den aktuellen Anforderungen stellen. Nicht einfach.

2019 war ich mit meinem Tanzmariechen selbst bei einem Akrobatiktraining mit Sydnee

Als Erstes wäre eine solide Basis in der Trainingslehre von Vorteil. Trainingssteuerung ohne gewisse Grundlagen funktioniert nicht. Für die Akrobatik kann man sich an entsprechende Workshops oder an mich wenden. Wichtig hierbei ist in meinen Augen, dass man nicht nur einen Workshop zum reinen „Trainieren“ besucht, sondern der Workshop sollte einen Fortbildungscharakter haben, sprich in Theorie und Praxis weiterbilden.

Ein „Mitmach- Workshop“ für Tänzer*innen macht Spaß und ist eine Abwechslung, aber das Wissen darüber was ich da eigentlich gerade mit meinem Körper anstelle und welche sinnvollen Wege es gibt das akrobatische Ziel zu erreichen, ist noch existenzieller und nachhaltiger – Für Trainer*in UND Tänzer*in.

Es gibt aber auch gute Literatur aus dem Gerätturnen. Natürlich decken diese Bücher nicht nur eine Handvoll Akrobatik ab, sondern auch alle anderen Disziplinen aus dem Turnen.

Welche Elemente sind in deinen Augen gut machbar für die karnevalistische Bühne und von welchen sollten Trainer*innen lieber die Finger lassen?

Meine ehrliche Meinung dazu ist, dass alle machtbaren Elemente schon gezeigt wurden. Und damit meine ich die gängigen akrobatischen Elemente von Bogengang bis freien Menichelli.

Alles darüber hinaus ist in meinen Augen keine attraktive Ergänzung zu einem Tanz, sondern Turnsport und langfristig im Sinne der Gelenke nicht zu befürworten. Denn den größten Anteil machen Kinder, Teenager und junge Erwachsene aus, die noch einige Jahre mit ihrem Körper haushalten müssen.

Anders als im Turnen, gibt es auf einer Tanzbühne keinen Schwingboden, also eine Turnfläche, die eine Federkonstruktion unter sich vereint. Landungen aus entsprechender Höhe üben eine unheimliche Kraft auf die Gelenke aus. Selbst gängige Elemente wie einen freien Bogengang oder freien Menichelli sind nicht zu unterschätzen, da sie auf einem Bein gelandet werden. Die Kräfte die hier wirken werden bis in den Rücken weitergeleitet. Wer hier keine entsprechende Stabilität hat, sieht sich auf kurz oder lang beim Orthopäden sitzen.

Akrobatik lernt man durch regelmäßiges Training

Nun sprechen wir bei unserem Sport über einen TANZsport, der tänzerische Aspekt steht also im Vordergrund. Wie viel Zeit sollte bzw. muss das Akrobatiktraining in Anspruch nehmen, um Element sicher auf der Bühne zeigen zu können?

Die Zwickmühle an der Akrobatik ist, dass das Erlernen einen großen Zeitaufwand darstellt. Denn hier ist es egal ob man Turner oder Tänzer ist. Ein Freies Rad bedarf für Sportler aus beiden Sportarten ähnlichen Zeitaufwand. Der Unterschied ist nur, dass der Turner sich nur mit dem Turnen auseinandersetzen kann.

Um etwas akrobatisches zu erlernen bedarf es Regelmäßigkeit. Diese Regelmäßigkeit muss in jeder Trainingseinheit Platz finden. Dabei müssen es nicht Stunden sein. Man sollte sich ein oder zwei Elemente heraussuchen, die zum Leistungsniveau passen, und diese in den Fokus nehmen.

Im ersten Schritt sollte man sich über die methodische Reihen Gedanken machen und dann, wie diese Umgesetzt werden sollen und können. So bekommt man nach ein paar Trainingseinheiten ein Gefühl für den Zeitaufwand. Und diesen Zeitaufwand muss man bereit sein zu investieren.

Neben der Zeit spielen auch die räumlichen Gegebenheiten eine Rolle. Nicht jeder hat schließlich ein Kunstturnzentrum zur Verfügung. Welche Geräte bzw. Utensilien braucht es deiner Meinung nach mindestens, um ein vernünftiges Akrobatiktraining durchzuführen?

Matten, Sprungbrett und Weichboden sind wichtige Utensilien für das Akrobatiktraining.In meinen Trainingsstunden versuche ich trotz Kunstturnzentrum gängige Materialen aus einer normal bestückten Turnhalle zu verwenden, denn das Erlernte soll ja möglichst zu Hause fortgeführt werden können. Ein paar Utensilien wären schon hilfreich, das stimmt: Turnmatten, optional ein Bodenturnläufer, eine Weichbodenmatte, Turnkästen und ein Sprungbrett. Dann hat man schon genug an der Hand, um die meisten Elemente erlernen zu können, die im Tanzsport gängig sind.

Eine sehr gute, aber kostspielige Ergänzung wäre eine AirTrack. Diese kann gut verstaut werden und ist schnell aufgepumpt. Dieses Hilfsmittel gibt dem Tänzer Unterstützung sowohl im Absprung als auch bei der Landung.

Bei einer hohen Wiederholungszahl, die es bei allen Elementen bis zur Beherrschung bedarf, ist diese Anschaffung im Sinne der Gesunderhaltung viel wert. Denn es macht keinen Sinn neu zu erlernende akrobatische Elemente direkt auf einem harten Untergrund zu trainieren.

Wann bin ich zu alt für Akrobatik?

Häufig werde ich gefragt, ob man auch als Jugendlicher oder Erwachsender noch Akrobatische Elemente lernen kann. Was sagst du dazu?

Ich habe mir über die Jahre angewöhnt niemals nie zu sagen. Aber ich muss auch ehrlich zugeben, dass es mit zunehmendem Alter natürlich schwieriger wird. Die Voraussetzungen, die man dann mitbringen muss, sind noch entscheidender als in jungen Jahren.

So kommt man zum Beispiel im Bereich der Gelenkigkeit schneller an die Grenzen. Die Gelenke sind im erwachsenen Alter so gefestigt, dass eine nötige Steigerung für solch komplexe Bewegungen oft nicht ausreicht.

Eine andere Facette ist die Angst. Je älter ich bin, desto mehr denke ich über Konsequenzen eines Fehlversuches nach. Das soll nicht heißen, dass Kinder waghalsig drauf losspringen, aber sie haben häufiger eine gewisse Gelassenheit und denken nicht zu viel über mögliche Fehlversuche nach.

Nichtsdestotrotz sollte man als Teenager oder Erwachsener erst einmal beginnen, methodisch entsprechend Vorgehen und abwägen, ob das entsprechende Element dann etwas für einen ist. Dies am besten in Absprache mit dem Trainer.

Vielen Dank für das Interview. Falls du mehr über Sydnee wissen möchtest, schau doch mal auf seinen Webseiten akrobatikfuchs.de und muskelfuchs.de vorbei und folge ihm bei Facebook und Instagram.

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