Gardetraining wie die Profis

Experteninterview mit der mehrfachen Deutschen Meisterin (BdK) Nicole Vogel.

Nun sind schon ein paar Tage ins Land gezogen, seit meinem Besuch bei der Deutschen Meisterschaft des BdK in Oberhausen. Mit offenen Mund und strahlenden Augen habe ich die hohe Qualität und professionelle Leistung der Turnierteilnehmer verfolgt. Ob Jugend, Junioren oder Ü-15: Das Niveau ist überwältigend. Als Trainerin einer Hobby-Garde kommt man da schon ins grübeln. Fragen über Fragen stellen sich mir. Allen voran: Wie schaffen die das bloß im Gardetraining?

Doch warum im stillen Kämmerlein vor sich hin überlegen, habe ich mir gedacht. Frag doch einfach einen Experten. Schließlich wissen die ehemaligen Profis oder Trainer am Besten, wie solch eine Top-Leistung erreicht werden kann. Im folgenden Interview steht mir die Sportwissenschaftlerin und mehrfache Deutsche Meisterin (siehe Infobox) Nicole Vogel Rede und Antwort.

Von den Besten lernen

Hallo Nicole, vielen Dank das du dir die Zeit nimmst, mir einige Fragen zu beantworten. Als Trainerin im Freizeitbereich interessiert mich eins natürlich brennend: Wie häufig haben die Besten der Besten eigentlich Gardetraining?

Ich kann es nur von meiner Warte aus erzählen. Wir hatten in den normalen und gängigen Zeiten 2-mal pro Woche ca. 2 Stunden trainiert (also 4 Stunden im Gesamten), waren aber in den Sommermonaten auch an Sonntagen ein 3. Mal damit beschäftigt, dann warens 6-7 Stunden pro Woche. Vor den Endturnieren waren auch schon 3-5 mal die Woche drin. Ich denke die Spitze setzt da locker noch ein 3. Training an um hinten raus das Letzte aus sich heraus zu holen. Diese Wochen sind hart, aber sie sind notwendig, denn mittlerweile haben die meisten entdeckt 2-mal die Woche zu trainieren und ziehen mit dem Niveau heran, da wird sich immer der abheben, der mehr macht als alle anderen. Nur irgendwann geht auch das nicht mehr- wir sind an dem Punkt seit einigen Jahren angelangt.

Latein oder Standardtänzer trainieren 4-5 mal die Woche, aber das sind andere Dimensionen und in die stoßen wir nicht mehr vor…da geht’s dann auch in den Profibereich.

Wer ganz oben stehen will muss im Privatleben für eine gewisse Zeit Abstriche machen.

Bei uns sind die Trainingszeiten allein schon durch die Verfügbarkeit der Trainingshalle limitiert. Zweimal die Woche für je 90 Minuten müssen in unserem Fall reichen. Gibt es im Profi-Bereich zusätzliche Trainingseinheiten neben dem regulären Gardetraining? Zum Beispiel Besuche im Fitnessstudio oder Trainingstage?

Viele von uns haben eines gemacht, und das war zuhause zu üben! Viele, die Defizite hatten, waren zuhause fleißig und übten das auch schon bevor die eigentliche Trainingszeit der Gruppe in der Halle begann. Wir hatten das Glück die Halle eben einige Stunden mehr zur Verfügung zu haben. Je mehr eine Gruppe aufeinander eingetanzt ist, desto schneller lernen die Tänzer Neuerungen und umso schneller bringt man das auch an die ran. Könner lernen sehr schnell und setzen schneller um, da bringt es das Schicksal zufälligerweise dann positiv mit, dass man sich mit bestimmten Dingen nicht mehr so lange aufhalten muss wie das der Anfänger noch tun muss. Wir sparten da einfach einiges an Zeit.

Ich muss aber auch dazu sagen, dass einige unserer Jungs auch in Studios aktiv waren und dort separates Krafttraining betrieben hatten. Manche Mädels kamen auch wie ich aus Sportberufen, da hat man einen kleinen Bonus was die Robustheit des Körpers anbelangt. Jedoch kann ich sagen, dass der Fleiß uns einfach um so manche Schließungszeit der Hallen geholfen hat, denn was man selber daheim übt, das muss man in der Halle nicht nochmal üben. Ich denke es kommt keiner mehr drum herum zuhause etwas zu tun, es wird definitiv nicht mehr alles zu schaffen sein in der Halle, gerade weil dieser Sport am Limit ist mit 2 Einheiten pro Woche oder auch einer 3. wenn man Schule und Beruf zeitlich auch noch schaffen will.

Es sei den man trainiert an den Wochenenden, aber dann mussten wir uns auch im Klaren darüber sein, dass das der Großteil unserer Freizeitaktivität betrifft- man bringt Opfer und tut das auch gerne. Daher will ich jedem mit auf den Weg geben, dass man im Privatleben für eine gewisse Zeit Abstriche machen muss um ganz oben zu stehen. Das wollen viele einfach nicht. In meinem letzten Verein hatten wir fast jeden Samstag oder Freitag Training und an vielen Sonntagen zusätzlich (welcher Verein das war kann man sich denken), da kann man sich vorstellen, wie sehr man den Tanzsport lieben muss um diese, für andere fast schon heilige Zeit, zu investieren. Ich habe es sehr gern gemacht damals.

Meine Zeit beim TSV Landau war dann 2014 beendet als ich sowieso schon aus Stuttgart wieder anfuhr- ich hatte zuvor in Baden-Baden gelebt, da war das nicht so arg weit, und eine Schulterverletzung mich noch zusätzlich ganz raus brachte. Für mich dann auch beruflich der Entscheid jetzt aufzuhören, denn ich hatte nun andere Aufgaben zu bewältigen während der eigentlichen Trainingszeit. Dann hieß es sich entscheiden – ich hatte auch alles erreicht und es war gut so. Manchmal ändern berufliche Dinge diese Sachen ganz schnell…und in meinem Fall die Schulter, die nach 6 Monaten wieder heile war.

Perfekte Beinreihe des TSV Landau bei der Deutschen Meisterschaft 2014.

Perfektion erreicht man nur mit Ehrgeiz und der Bereitschaft, seine Freizeit zu opfern. 
Bild: TSV Landau bei der Deutschen Meisterschaft 2014 in Erfurt. Nicole Vogel ist die 11. von rechts (unter dem U).

In der aktuellen Ausgabe von Garde und Show berichtest du darüber, wie ein Kreis wirklich rund und die Reihe wirklich gerade wird. Was bei mir hängen geblieben ist: Vollzähligkeit im Gardetraining ist dabei das Wichtigste. Wenn ich die Anwesenheitsliste unseres letzten Trainingsjahres so auswerte, bin ich schnell ziemlich ernüchtert. Nur in 5 von 77 (!) Trainingseinheiten waren wir vollzählig. Wie sieht das im Profibereich aus und was passiert mit Mädchen, die zu häufig Fehlen?

Die stehen nicht drin- wer da zu weich ist und hofft die kommen schon ins Training, der hofft vergebens.

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich es kaum gewohnt war Lücken neben mir zu haben, denn meine Mittänzer waren nahezu immer im Training. Es hat sich kaum einer getraut zu fehlen, da wir wussten was wir damit anrichten. Das ist ne Sache von Respekt. Wenn man nun in einer Gruppe tanzt, die auf Vollzähligkeit besteht, was ein Mittel zum Erfolg ist, und man bekommt das nicht hin, dann ist man falsch in dieser Gruppe. Wer seinen Sport immer mal wieder macht, und hier und da mal kommt, der wird sich nicht verbessern, rein trainingswissenschaftlich nicht und die Gruppe hat einfach diese Vollzähligkeit verdient, genauso wie der Trainer, der das vorne korrigieren muss- es aber einfach nicht kann, wenn ständig Lücken darin sind.

Ich persönlich wär jemand, der wirklich nur die tanzen lässt, die das ernst nehmen und auch die Zeit dafür aufbringen können. Allen anderen würde ich nahe legen dort zu tanzen, wo mans nicht so ganz ernst nimmt mit den Fehlzeiten- die findest Du aber nicht unter den Besten in Deutschland davon gehe ich aus.

Es kann durchaus mal sein, dass ein erfahrener Tänzer für einige Wochen fehlt aus beruflichen Gründen oder krank ist, aber ich wusste immer, dass genau dieser erfahrene Tänzer seine Laufwege wieder genauso setzt wie zuvor- darauf konnte ich mich immer verlassen. Es wird aber bei einer 30er Gruppe schon zum Problem, wenn Dir ständig 5 Leute fehlen, das darf nicht sein auf Dauer. Es hat wirklich geknallt als das zu häufig vorkam, das hat sich dann wirklich keiner mehr getraut- oder man hat gesagt man pausiert und macht andere Dinge, die Zeit verlangen, dann wars für beide Seiten in Ordnung. Was man da nie voransetzen darf ist der eigene Egoismus- die Gruppe geht immer vor, und wenn man da nicht hin kann, dann muss man raus und das auch verstehen. Da gabs aber auch nie wirkliche Diskussionen, denn jede wusste was für Regeln einzuhalten sind. Da muss der Trainer auch klare Regeln setzen.

Respekt für Tänzer und Trainer

Wo wir schon beim Thema Vollzähligkeit sind: Der Top-Entschuldigungsgrund ist häufig die Schule. Ob Hausaufgaben oder die Klassenarbeit: Das Mädchen kann nicht am Training in den Abendstunden (18:30 bis 20:00 Uhr) teilnehmen, da sie lernen muss. In meinen Augen schwierig nachzuvollziehen, denn auch die Leistungsgarden im Jugend und Junioren-Bereich gehen ja zur Schule und schreiben Prüfungen. Was macht ihr anders?

Zeiteinteilung ist wichtig, denn wenn Facebook und TV wichtiger werden als seine Hausaufgaben zu machen, dann hat man schon Zeit vergeudet. Und seien wir mal ehrlich, wieviel Zeit wird in diesen Netzwerken verplempert? Viel!

Wenn man lernen muss und beides nicht hinbekommt, dann ist man leider falsch in diesem Sport. Mal ehrlich, es ist zeitlich möglich zu lernen und einen Sport zu machen, der nur 4 Std pro Woche im Schnitt abläuft – wer das nicht hinbekommt, der muss über seine Zeiteinteilung echt nachdenken. Ich spreche da vor allem auch Leute an, deren Kinder 2-3 Sportarten parallel machen oder auch Instrumente lernen- entscheidet Euch frühzeitig für eine Sache, dann klappts auch mit der Zeiteinteilung. Ich hab auch ne Schule und ein Studium nebenher hinbekommen. Sonst würden die Tänzer der vorderen Gruppen alle keine Zeit dazu haben, aber sie schaffen es dennoch.

Wer gar nicht klarkommt, der setzt dann von mir aus zum Abi aus und steigt danach wieder ein, auch das kennen wir und das machten sehr viele bei uns.

Ein weiterer Grund ist eine Krankheit. Hierzu habe ich schon viel von dir gelesen und unterstreiche deine Aussage: Wer wirklich richtig krank ist, bleibt zuhause. Doch wie geht ihr damit um, wenn eine Tänzerin über mehrere Wochen hinweg, vor allem kurz vor wichtigen Auftritten oder Turnieren krank fehlt und die Gruppe ständig auf Lücke tanzen muss?

Ich muss mich frühzeitig dazu entscheiden was ich jetzt machen will. Ist eine chronische Krankheit da dann weiß ich, ich stell die Lücke zu. Da muss ich aber auch dann die Eltern befragen um was es genau geht und was der Arzt gesagt hat.
Ich kann die Lücke nicht dauerhaft offenlassen und drauf warten wie es meinem Schützling denn morgen geht. Dazu setze ich die Garde auch von der Choreo einem Unding aus manches nen Tag vorher wieder umlernen zu müssen. Wenn ich also merke, da braut sich was zusammen, was länger dauert, dann stell ich die Lücke zu. Du musst Dir vorstellen, dass bei manchen Choreos auch nur die Veränderung eines Platzes dazu führt, dass die Hälfte der Gruppe auf einmal spiegelverkehrt tanzen muss und auf der ganz anderen Seite der Bühne steht- das ist nicht so einfach wieder umzukehren.

Da heißt es wirklich Nägel mit Köpfen machen und Lücken zustellen. Wenn Dir Deine Garde auf dem Turnier nachher Unsicherheiten mit den Plätzen aufzeigt, dann sieht man das und es ist rum. Es sind harte Entscheidungen bei den Turniergruppen ganz vorne, aber die kranken Tänzer verstehen das dann auch.

Sportwissenschaftlerin Nicole Vogel

Nicole Vogel kann auf über 30 Jahre tänzerische Erfolge im Garde und Showtanzsport des BdK zurückblicken. Insgesamt konnte sie 16 Mal den Deutschen Meistertitel erringen. Außerdem einen Europameistertitel und viele weitere Titel im Tanzsportwettbewerben.

Zusätzlich hat sie ein Studium der Sportwissenschaften & Kunstgeschichte (Magister Artium M.A.) mit dem Schwerpunkt Schwerpunkt – Sportmanagement im Gesundheitswesen am Institut für Sport und Bewegungswissenschaft an der Universität Stuttgart absolviert und arbeitet als Personal Trainerin.

Nicole hat bereits vier Bücher zum Training im karnevalistischen Tanzsport veröffentlicht. Das Buch „Optimales Training im Gardetanz“ ist ein umfangreicher Übungskatalog mit trainingswissenschaftlichen Hintergründen, didaktischen, und methodischen Hinweisen. Ihr Buch „Möglichkeiten des Functional Trainings im Gardetanzsport“ enthält Anleitungen zur Integration funktioneller Übungen in das Gardetanztraining der Altersgruppe Ü15.

Support und Brauchtumspflege

Häufig spielt auch das Engagement und die Unterstützung der Eltern eine Rolle. Sind diese selbst im Verein aktiv oder haben früher getanzt, wird das Training eher als Wichtig angesehen, als bei Eltern die damit gar nichts am Hut haben. Auf der Deutschen Meisterschaft war ich sehr davon beeindruckt, wie viele Eltern mitreisen und ihre Mädels anfeuern. Wie wichtig ist in deinen Augen der Support der Eltern?

Sehr wichtig, sie sind ja auch eine psychologische Stütze. Wir hatten alte Hasen dabei wie mich, da war meine Mutter jetzt nicht mehr sooo wichtig, aber bei denen, die erst hochgekommen sind, ist das manchmal schon noch anders. Junge Aktive sind auch stolz drauf, ihren Eltern zeigen können was sie draufhaben. Die Eltern gehen dann gerne mit zu den Turnieren. Dass ein Support während der ganzen Trainingszeit wichtig ist steht außer Frage. Meine Mutter hatte sich oft immer darüber geärgert nicht mitgegangen zu sein, als ein Turnier erfolgreich verlief und sie es absichtlich verpasst hatte. Manche Eltern haben da einfach auch nicht durchweg das Interesse dran – ich mein bei mir rede ich da über 30 Jahre, da muss die Mutter nicht immer dabei gewesen sein.

Ein letzte Frage noch: Mir ist aufgefallen, dass auf der Deutschen Meisterschaft sehr viele Tanzsportvereine mitgewirkt haben. Die reinen Karnevalsvereine waren eher in der Unterzahl.  Ist es schwieriger geworden, den Karneval und den professionellen Tanzsport miteinander zu vereinen?

Ich habe, je länger ich getanzt hab, irgendwann auch bemerkt wie wichtig und schön Brauchtum war. Hatte das am Ende in meinem Tanzsportverein jetzt nicht vermisst, aber hätte das auch wieder zugelassen. In jungen Jahren ist das Aufwachsen mit Brauchtum schön und man wächst da echt rein. Je älter man wird, desto mehr ist man auf das Turniertanzen fixiert- so wars bei mir. Irgendwann dreht sich das aber. Wenn der Brauchtumsverein seine Garden unterstützt und alle an einem Strang ziehen, dann kann auch die Brauchtumsgarde im Turniergeschehen tanzen- warum auch nicht? Wenn es Tanzsportvereine oder auch Tanzsportgemeinschaften gibt, die sich extra dazu bilden nur um sich dem Tanzen zu widmen, dann geht doch auch das. Es geht beides und ich finde das beides toll. Der Sport versportlicht sich zusehends und das ist eine ganz normale Entwicklung, die man nicht als negativ ansehen darf.

Man hat aber im Brauchtumsverein seine Verpflichtungen und darüber muss man sich auch im Klaren sein als Turniertänzer- es gehört auch dazu, da darf man dann die Nase nicht zu hoch nehmen und sagen, och ich hab keine Lust auf Umzüge, Spalier Stehen oder Orden zu verteilen etc. Das gehört dazu. Ich sags nochmal, wenn Garde und Verein Hand in Hand zusammenarbeiten, dann ist das ne ganz tolle und schöne Form. Wer das nicht mehr will, ja der muss halt seinen TSV oder TSG bilden, dann geht’s nur noch ums Tanzen.

Vielen Dank liebe Nicole für deine Zeit! Habt ihr noch mehr Fragen? Dann schickt sie mir gerne per Mail an lisa@keep-dancing.de. Und vielleicht gibt es bald noch einen zweiten Teil des Artikels mit euren Fragen.

Liebe Grüße
Eure Lisa

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  1. […] Know-How ebenfalls weiter. So hat Jana Pearce kürzliche mehrere Online-Workshops angeboten. Und Nicole Vogel vermittelt mit umfangreicher Fachliteratur ebenso wichtig Grundlagen, die jeder Trainierende kennen […]

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