Mein letzter Tanz

Abschied vom karnevalistischen Tanzsport nach 28 Jahren.

Mein letzter Tanz Abschied vom karnevalistischen Tanzsport nach 28 Jahren.

Du betrittst die Bühne. Dein Herz schlägt schneller. Die Musik setzt ein. Adrenalin flutet deinen Körper. Du tanzt dir die Seele aus dem Leib. Abschlussbild. Applaus. Und du weißt: Das wars. Das war dein letzter Tanz.

Am 16. Februar 2026 habe ich meinen letzten Tanz getanzt. Meinen letzten Schautanz in meinem Karnevalsverein. Nach 28 Jahren hänge ich die karnevalistischen Tanzschuhe endgültig an den Nagel. Und weißt du was: Es fühlt sich genau jetzt richtig an.

Mit acht Jahren stand ich das erste Mal als Tanzmariechen auf der Bühne. Es folgten unzählige Tänze als Solistin, im Garde- und im Schautanz. Von Jahr zu Jahr durfte ich neues Lernen, wachsen, immer besser werden.

Meine Leidenschaft für den karnevalistischen Tanzsport und mein Talent – Ausdruck und Bühnenpräsenz – entdecken.

Mein verfrühter Abschied 2015

Bis zum Jahr 2015. Denn dort habe ich (zum ersten Mal) beschlossen, mit dem Tanzen aufzuhören. Doch das Ende kam zu früh – und nicht aus meiner eigenen, intrinsischen Entscheidung heraus.

Nein. Denn zu der Zeit habe ich mich viel zu sehr vom Außen steuern lassen. Alle anderen Tänzerinnen meines Jahrgangs hatten bereits aufgehört. Ich war die Älteste mit 25 Jahren. Die „Oma“.

Und in meinem Kopf waren Sätze eingebrannt wie:
„Mit Mitte zwanzig hört man auf“,
„Was will die den noch zwischen den jungen Hühnern“,
„Sie findet nie ein Ende“.

Also habe ich aufgehört.
Weil man das eben mit Mitte zwanzig so macht.

Herz vs. Kopf

Lisa tanzt auf Bühne

Auftritt 2017 mit der Frauengruppe

Dann kam Karneval 2016 und mir schossen die Tränen in die Augen, als ich die Ü15-Garde tanzen sah.

Mein Körper, mein Herz sagte mir: „Du gehörst da hoch.“
Mein Kopf sagte: „Kannst du nicht machen, was sollen denn alle denken.“

Also suchte ich nach einer Alternative. Und trat unserer Frauentanzgruppe bei. Hier zeigten wir einen Mix aus Playback und (leichtem) Schautanz.

Einfach. Entspannt. Unterfordert.

Auch das brachte mir keine Freude. Hinzu kam, dass ich direkt neben der Trainingshalle wohne und im Sommer jeden Dienstag Abend die Schautanzmusik der Ü15 auf meiner Terrasse hörte…

Der entscheidende Moment

Schließlich kam es an einem Dienstag Abend im Herbst 2018 zum Wendepunkt. Ich war gerade mit den Junioren fertig, die Ü15 trudelte ein. Auf dem Parkplatz traf ich auf eine der Ü15-Trainerinnen. Wir unterhielten uns.

Und irgendwann sagte ich: „Ich höre jede Woche eure Musik auf der Terrasse und das klingt so gut, da hätte ich direkt Lust mitzutanzen.

Ihre Antwort: „Und warum machst du es dann nicht einfach?“

Boom.

Ein einfacher Satz, eine einfache Frage. Und meine Gedanken fanden keine Ruhe mehr.

Ja, warum eigentlich nicht?

Weil ich diese Stimmen im Kopf hatte:
„Wie, sie geht wieder in die Garde zurück?“,
„Ist sie nicht langsam zu alt dafür?“,
„Was will die denn wieder hier?“.

Und dann sagte ich mir: Scheiß drauf.

Ich will tanzen. Mit Anspruch. Mit Leistung. Ich will genau das.

Also schrieb ich der Trainerin, ob ich noch einsteigen könnte. Schließlich waren sie schon sehr fortgeschritten mit der neuen Choreo. „Na klar!“.

Mit 28 zurück in die Garde

Ich lies mir ein Video schicken und lernte bis zum nächsten Training alle Schritte nach. Vor dem ersten Training war ich sehr nervös. Was sollten die anderen (jüngeren) Tänzerinnen denken? Dass ich jetzt wieder einsteige? So spät in der Saison?

Doch alle Sorgen waren unbegründet. Ich wurde mit offenen Herzen empfangen.

Und auch alle anderen Menschen, denen ich davon erzähle, hatten nur positive Worte für mich.

Und so ging meine Reise als Tänzerin im Ü15-Schautanz weiter. Im Februar 2019 stand ich wieder auf der Bühne. Und es war das beste Gefühl. Die absolut richtige Entscheidung.

Die Krönung: Eine Hauptrolle im Schautanz

Saisonstart 2019/2020, Themenverkündung: Götter.
Und ich? Sollte eine Hauptrolle als Armor tanzen.

Ich glaube in diesem Moment war ich die glücklichste Person auf der Welt. Wie froh war ich, wieder zurückgekommen zu sein, diese zweite Chance zu bekommen. Und dann noch diese Rolle. Mein Herz schrie laut „Ja, alles richtig gemacht!“

Das Trainingsjahr war Erfüllung pur. Der Tanz zum anschließenden Karneval die pure Freude.
Gib mir mehr davon!!

Zwei geklaute Tanzjahre

Und dann: Corona.

Zwei Jahre lang zwischen kein Training, Outdoor-Training und Zoom-Training. Doch ich war on fire. Hatte Bock und blieb dran.

2023 endlich wieder auf der Bühne mit „Moulin Rouge“. Leidenschaft, Feuer, Liebe. Einfach pures Glück. Im Folgejahr brachten wir den Tanz erneut auf die Bühne. Erneut mit Standing Ovations.

Und dann meldete sich eine kleine, leise Stimme in mir: „Wie lange wollen wir das noch machen?“

Für die Saison 2024/2025 stand ein neuer Schautanz auf dem Plan. Ich hörte in mich rein, hörte auf mein Herz. Und wusste: Da geht noch was. Also entschied ich mich, weiterzumachen.

Und was für eine richtige Entscheidung das war. Der Tanz „Umarm, was dich zum Menschen macht“ hatte Tiefgang, hatte eine Botschaft. Die Choreographie – ein tänzerischer Traum. Allein der Anfang brachte mir Gänsehaut. Und ich war SO FROH, diesen Tanz mittanzen zu dürfen.

Wenn du spürst, dass es zu Ende geht

Und dann kam die Saison 2025/2026. Der Tanz blieb, meine Freude am Training leider nicht. Bereits kurz nach Karneval wuchs so ein Gefühl in mir, dass dies die letzte Saison sein könnte.

Und von Training zu Training wurde das Gefühl stärker. Ich hatte keine Energie mehr. Die Trainingseinheiten (und es gab wirklich nicht viele) waren mehr Anstrengung als Freude. Ich schaute häufiger auf die Uhr, wünschte mich häufiger nach Hause.

War ich früher nach dem Training noch geblieben, auf das ein oder andere Getränk und Gespräche unter Tänzerinnen und Trainerinnen, so war ich auf einmal die Erste, die nach Ende der Trainingsstunde nach Hause eilte.

Das Schlimmste verhindern…

Die Gründe dafür lagen nicht im Tanzen, lagen nicht im Training. Sondern in meinem Privatleben. Das Pensum wurde zu viel. Keep-Dancing nahm immer mehr Zeit in Anspruch, mein Job forderte häufigere Dienstreisen, meine Ehe verlangte nach mehr Priorität.

Im Spätsommer 2025 stand ich schließlich kurz vorm Burnout. Und begann eine Therapie.

Zu dem Zeitpunkt stand bereits fest: Ich höre mit dem Schautanz auf.

Nicht weil ich das Tanzen nicht liebe. Sondern weil die Strukturen mir zu unflexibel sind. Weil mein Pflichtbewusstsein und meine Verantwortung der Gruppe gegenüber meine mentale Gesundheit und mein Privatleben belasten.

Dazu kommt ein vielleicht dummer, aber dennoch wichtiger Grund: Es kommen immer mehr Mädchen von den Junioren zu uns hoch. Doch es hört schon seit Jahren so gut wie niemand auf. Irgendwann sind alle Plätze belegt. Und dann?

Es ist an der Zeit, meinen Platz freizugeben für die jüngere Generation an Tänzerinnen.

Kein Abschied vom Tanzen

Doch der Abschied von der Karnevalsbühne ist kein Abschied vom Tanz an sich.

Im letzten Jahr durfte ich ein 4-tägiges Tanzcamp besuchen und in die Stile Contemporary und Female Style reinschnuppern.

Diese vier Tage waren die Schönsten des vergangenen Jahres. Auch wenn mein Körper nach zwei Tagen schrie, auch wenn ich Schmerzen aus der Hölle hatte: Mein Herz war voll. Meine Tanzleidenschaft neu entfacht.

Ja, der karnevalistische Tanzsport hat mich viele Jahre begleitet. Er hat mir Selbstbewusstsein gegeben, mich geformt, mir Disziplin, Leidenschaft und Ehrgeiz gelehrt. Und dafür bin ich dem Sport unendlich dankbar.

Doch jetzt ist es an der Zeit, weiterzuziehen. Mich zu lösen und frei und flexibel meinen Weg in neue Tanzstile zu finden.

Und das fühlt sich heute genau richtig an.

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